Mein Rotstift in Aktion
Info: Dieser Artikel wurde 2007 verfasst und erschien im Yearbook of Consulting 08
Meine Lehrer hatten eine Macht. Mit ihren Rotstiften konnten sie schlechte Qualität abstrafen und den Schuldigen zurück an den Start schicken. Toll.
Noch in meiner Hochbau Ausbildung hat mich ein Professor besonders geprägt. Er hatte ein Faible für klares, unmissverständliches Informationsdesign bei Bauplänen und predigte uns bei jeder Gelegenheit über vorausblickende Projektplanung. Er sagte immer „Zuerst denken, dann umsetzen, sonst bist Du später am Arsch” (O-Ton). Wurde also ein Plan seinen hohen Ansprüchen nicht gerecht, schrieb er mit seinem roten Architekten-Fineliner ein kleines aber schmerzvolles „NEU” auf den Plan und man musste alles von Null weg neu beginnen. Nach dem zweiten „Neu” wurde man achtsamer und integrierte vom ersten Strich an eine wachsende Anzahl an Perspektiven und Anforderungen in die Planung. Mit Erfolg.
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Heute wünsche ich mir oft einen großen, dicken Rotstift, um ihn bei Unzufriedenheit anzusetzen und mit Genugtuung ein imaginäres „NEU” auszuteilen. Denn, es ist schon mehr frustrierend als faszinierend, wenn man das offizielle Österreich in Sachen „vernetztes Denken und Handeln” kritisch betrachtet. Obgleich sich viele Herren und Damen öffentlicher Ämter regelmäßig mit diversen Trendwörtern schmücken, so bleiben oft nur inszenierte und oberflächliche Imagebroschüren der angeblichen Task-Forces, Think-Tanks und anderen Expertenrunden übrig. „Außer Spesen, nix gewesen”? Der wirkliche Output ist oft keiner Rede wert, weshalb der wohl auch nicht gemessen wird. Keine Frage, dass sind kritische Töne die ich hier anstimme, aber nach Beispielen die meiner Unzufriedenheit als Untermauerung dienen können, braucht man nicht lange zu suchen.
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Beispiel (1): Regionalentwicklung
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In der Steiermark kämpft die Region „Aichfeld” seit Jahren um ihre Zukunft. Ironischerweise kämpft sie gegen sich selbst und gegen höhere Strukturen, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen sollten. Nach dem desaströsen Scheitern des Multi-Mio. Motorsportprojekts #1 von RedBull, kämpfte man auch noch für das Thermenprojekt Fohnsdorf um die eigentlich zugesagte Bundesförderung. Die Gründe dahinter mögen vielschichtig sein, doch in erster Linie ist die Schuld in der fast nicht vorhandenen Kommunikation zwischen den Stakeholdern zu suchen. Blindwütiges Reagieren auf allen Seiten, anstatt eines gemeinsamen Agierens zum Wohle aller. Was bleibt ist eine tiefe Enttäuschung in der Bevölkerung und ein wachsendes Misstrauen gegenüber Vertretern des Volkes. Kein Wunder, wenn sich diese bei ihrem Handeln mehr an Farben, als an Menschen orientieren. Ich vergebe ein „NEU“!
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Beispiel (2): Stadtentwicklung
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Doch man braucht nicht einmal die Stadt verlassen, um Paradebeispiele fehlender vernetzter Strategien zu finden. Der Wiener Würstel Prater wird seit 2001 (6 Jahre!) neu konzipiert. Millionen wurden bereits für diverse Planungs- und Beratungstätigkeiten ausgeben. Rausgekommen ist auch hier außer Enttäuschung so gut wie nichts. Das Konzept wurde von verschiedenen Kräften am Ende doch noch abgewehrt. Wie kann es soweit kommen und darf man sich einen derart kurzsichtigen Aktionismus leisten? Das neue-neue Konzept ist laut der Verantwortlichen natürlich wieder „ursuper” und wird jetzt brachial durchgezogen, denn unerwartet steht plötzlich die EM vor der Tür. Keine Zeit mehr zum Diskutieren heißt es jetzt. Ich vergeben ein „NEU“!
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Beispiel (3): Universität Wien
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Die größte Bildungsstätte Österreichs gleicht in ihrer organisatorischen Struktur mehr einem Krebsgeschwür, als einem modernen, vernetzten Kompetenz- und Serviceunternehmen. Selbst im Jahr 2007 ist es augenscheinlich nicht zu schaffen ein zentrales Anmeldesystem für Lehrveranstaltungen der Hauptuniversität zu schaffen. Der Student des 21. Jahrhunderts muss sich durch unzählige, Benutzer-feindliche Einzelsysteme der jeweiligen Institute quälen. Warum sollte man hier auch den Bedürfnissen der „Kunden” entsprechend nach vernetzter Qualität streben? Bei allem Verständnis für die Eigenständigkeit der einzelnen Institute, ein Misthaufen bleibt ein Misthaufen. „Früher hat man sich überhaupt nicht online anmelden können”, könnten zuständigen Vertreter entgegnen. Ich vergebe auch hier ein dickes „NEU“!
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Beispiel (4): Gründungslandschaft
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Will man in Österreich ein Unternehmen gründen, so muss man sich zu Beginn auf einen informativen Hürdenlauf einstellen. Entgegen aller PR-wirksamen Lobeshymnen diverser Service-Stellen, die sich gerne selbst feiern und auszeichnen, ist die Informationslandschaft für Neulinge vor allem eines: Undurchsichtig, unwegsam und feindlich. Ein Dschungel eben, in dem man sich zum Affen machen muss, um zu überleben. Mit Ausdauer findet man zwar ans Ziel, doch meinen Qualitätsansprüchen einer modernen Wissensgesellschaft entspricht das sicher nicht. Peinlich, aber kein Wunder, dass das brauchbarste Informationspaket in Sachen Gründung von einer österreichischen Bank angeboten wird. Da geht es im Gegensatz ja um Kunden. Aber mein Klagen ändert ja eh nichts. So ist das halt. „In anderen Ländern ist es noch viel schlimmer”, höre ich die Verantwortlichen schon sagen. Typisch Österreich: Man feiert sich, wenn man im Mittelfeld diverser Rankings liegt und verweist auf jene, die hinter einem liegen. Die davor sind ja unwesentlich. Doch der ständige Blick in den Rückspiegel wird uns nicht nach vorn bringen. Eher bauen wir einen Crash und scheiden aus. Ich sage dazu nur: „NEU“!
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Raunzerfreie Zone? Das hätten die wohl gern!
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Nun gut, ich bin ein ewiger Kritiker und die Dinge sind wohl komplizierter als man das von Außen vermuten möchte, oder? Aber darf es sein, dass ich für dieses hochmoderne und wohlhabende Land die Liste an derartigen Beispielen noch um etliche mehr verlängern könnte? Ich bin mir sicher auch Sie können mir sofort einige Beispiele nennen, wo Sie selbst gerne den imaginären Rotstift ansetzen würden, oder? Dann lassen Sie uns das tun, denn es ist Zeit, dass einiges in diesem Land erneuert wird, beginnend mit dem Denken! Der Großeltern-Spruch „Das kann man halt nicht ändern” hat in den Köpfen einer innovationsorientierten Gesellschaft nichts mehr zu suchen.
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Und wo würden Sie ihren Rotstift zücken? Und bitte halten Sie sich nicht zurück! Das hat mein Professor auch nie getan.
Bin gespannt, Ihr Hannes Offenbacher
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